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1919 – „Eva schläft“ und „Alle, außer mir“ <br> von Francesca Melandri

1919 – „Eva schläft“ und „Alle, außer mir“
von Francesca Melandri

Buch der Woche

1919 – im zweiten Halbjahr 2019 geht unser Blick 100 Jahre zurück. Denn am 26. September haben wir Herbert Kapfer zu Gast. Er wird aus seinem Buch „1919“ lesen. Ergänzt wird die Lesung durch Texte und Material aus Gunzenhausen, das Stadtarchivar Werner Mühlhäußer zusammenstellt. Bis dahin wollen wir euch einige Bücher vorstellen, die sich mit dieser Zeit beschäftigen. Außerdem machen wir eine kleine Umfrage zum Thema 100 Jahre Frauenwahlrecht. Kommt gerne vorbei und macht mit!

Den Anfang macht Karin mit zwei Büchern von Francesca Melandri, die – wie sollte es anders sein – das Jahr 1919 in Karins Lieblingsland Italien beleuchten.

„Eva schläft“

Das Jahr 1919 hat für die italienische Provinz Südtirol eine besondere Bedeutung. Es stellt eine Zäsur in ihrer ohnehin wechselvollen Geschichte dar: Im Vertrag von Saint-Germain wurde Südtirol Italien zugesprochen. Dies geschah entgegen dem von den Siegermächten des Ersten Weltkriegs proklamierten Selbstbestimmungsrecht der Völker. Bis dahin war Südtirol über Jahrhunderte fast durchgehend Teil des Habsburgerreichs, immer aber deutschsprachiges Gebiet. Was das für die Bevölkerung bedeutete, weiß der geneigte Südtirolurlauber, wenn überhaupt, vielleicht in der Theorie. Nach der Machtergreifung der Faschisten spitzte sich die Lage weiter zu. Sie strebten eine „Zwangsitalienisierung“ an. Zu diesem Zweck siedelten sie Bürger aus dem Süden an und verhängten ein Verbot der deutschen Sprache.

Soviel zu den Fakten. Es ist aber etwas ganz anderes, wenn unmittelbar Betroffene von Francesca Melandri als Protagonisten in ihrem wunderbaren Roman „Eva schläft“ ein Gesicht bekommen. Die namensgebende Eva begibt sich darin nicht nur auf die Reise vom obersten Norden in den tiefsten Süden des Landes, sondern auch auf die Spur der Geschichte ihrer Familie und ihrer Heimat. Und nach der Lektüre mag man sich vielleicht die Frage stellen, wie weit die Ereignisse dieses Schicksalsjahres im Sehnsuchtsland Auswirkungen bis auf den heutigen Tag haben und man betrachtet die dort anhaltenden Spannungen zwischen Nord und Süd womöglich mit etwas mehr Verständnis.

 

„Alle, außer mir“

Ausgezeichnet als „Lieblingsbuch der Unabhängigen (Buchhandlungen)“ 2018, volle Punktzahl im Literarischen Quartett – Das alles spricht bereits für die Qualität des Familienromans „Alle, außer mir“ von Francesca Melandri. Ein hochinteressantes Buch mit vielen Facetten. Es ist die Familiengeschichte der Protagonistin Ilaria Profeti, aber auch die ihres Großvaters Attilio, Jahrgang 1915. Nach und nach unter Überwindung zahlreicher Widerstände, begibt sie sich auf die Spuren der Vergangenheit des mittlerweile in seiner Demenz gefangenen Hochbetagten. Und so beginnt das Denkmal des hochdekorierten Diplomaten und geliebten Opas zu bröckeln. Denn worauf Ilaria da stößt, ist die unrühmliche Kolonialgeschichte von Italienisch-Ostafrika und die Rolle, die Attilio Profeti dabei spielte. Anlass zu diesen Nachforschungen liefert die Tatsache, dass eines Tages vor ihrer Wohnungstür ein äthiopischer Flüchtling auftaucht, der in reinstem Italienisch behauptet, ebenfalls ein Enkel von desselben zu sein. Somit wird Ilaria auch mit der Situation der Flüchtlinge in Italien konfrontiert. Die Fragen, denen sie sich nun gegenüber sieht, stellen ihr Leben auf den Kopf und ihr Weltbild auf die Probe.

Von Melena