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„Bergland“ <br>von Jarka Kubsova

„Bergland“
von Jarka Kubsova

Buch der Woche

Als Melena im Team gefragt hat, wer beim „Alpenabend“ in der Stadt- und Schulbücherei mitmachen möchte, war ich sofort Feuer und Flamme. Das Buch, aus dem gelesen werden sollte, hatte ich nämlich schon auf meine „Will-ich-unbedingt-lesen“-Liste gesetzt. Und nach wenigen Seiten war klar: „Bergland“ von Jarka Kubsova hält, was es mir schon beim ersten Klappentextlesen versprochen hat.

Hart ist das Leben der Bergbauern in Südtirol, nur mit viel Schweiß und Mühe können sie der Natur ein karges Auskommen abtrotzen. Ganz oben, knapp an der Anbaugrenze, auf 1670 Metern liegt der „Innerleit“ als höchster Hof des abgeschiedenen Orts Tiefenthal. Er ist Heimat und Schicksal der drei Generationen, die Jarka Kubsova in ihrem absolut lesenswerten Roman zu Wort kommen lässt. In knappen, schnörkellosen Worten räumt sie auf mit dem Klischee vom Leben auf dem Bauernhof, wo es noch so idyllisch und unberührt wie früher ist.

Drei Generationen

Die Geschichte beginnt in den 1940-er Jahren, der Krieg tobt, wohin man schaut und macht auch vor dem Innerleit nicht Halt: Die zwei Söhne von Josef Breitenberger kommen nicht zurück, und so ist es an der ältesten Tochter Rosa, den Hof zu übernehmen. Doch wie soll das gehen, als Frau, ganz alleine, ohne die technischen Möglichkeiten von heute? Noch dazu mit einem kleinen Sohn im Schlepptau und einem Mann, der im Krieg seinen Arm verloren hat und nicht lange nach der Rückkehr auf tragische Weise ums Leben kommt?

Aber Rosa beißt sich durch, beobachtet die Natur genau und lernt von ihr. Schon bald wächst ihr Getreide höher als anderswo, fährt sie mehr Ernte ein als andere. Nur mit ihrem Sohn Sepp weiß sie nicht recht umzugehen. Sepp, die zweite Generation, will es besser haben. Er glaubt an den Fortschritt, an die Versprechungen der Traktorenverkäufer, Molkereien und Raiffeisenbanken. Milchvieh lautet das Zauberwort, die Tiere werden zur Sache, müssen Höchstleistungen erbringen oder weichen. Der Bauernhof wird zum Betrieb – und Sepp leider nicht glücklich. Seine Ehe scheitert, und zu seinem Sohn Hannes, der seine eigenen Ideen für den Innerleit hat, hat er ein ähnlich schwieriges Verhältnis wie zu seiner Mutter Rosa, die sich stets gegen alle Veränderungen gewehrt hat. Zu wenig wird gesprochen auf diesem Hof, zu viel bleibt ungesagt und unverstanden. Erst spät erkennt Sepp, wie sehr sich seine Mutter um ihn gesorgt hat, ihm dies aber nie zeigen konnte.

Familienfalle des Schweigens

Diese Erkenntnis verdankt Sepp nicht zuletzt seiner Schwiegertochter Franziska, die mit „Urlaub auf dem Bauernhof“ versucht, den Hof am Leben zu halten. Auch sie und Hannes tappen in die „Familienfalle“ des Schweigens, und es muss erst etwas passieren, um diese Starre zu lösen und sich der Zukunft zuwenden zu können.

Besonders die beiden Frauenfiguren – nennen wir sie gerne Heldinnen – haben mich sehr beschäftigt: Alleinerziehend und berufstätig zu sein, war zu Rosas Zeiten genauso wie heute eine Mammutaufgabe. Ständig in Eile, immer in Sorge um die alleingelassenen Kinder, stets zu viel Arbeit für einen allein. Schon bei dem Gedanken an die schwere Feldarbeit, daran, wie Rosa schuften musste, schaudert es mich.

Ähnlich ergeht es Franziska, die Haushalt, Familie, Hof und die Feriengäste unter einen Hut bringen muss und sich dabei aufreibt, bis es nicht mehr geht.  Eigene Bedürfnisse oder gar Wünsche scheint es nicht zu geben oder sind unter den vielen Pflichten verschüttet. Wie bei vielen Müttern heutzutage, die es immer allen recht machen wollen und sich immer um alles kümmern. Unsichtbar, lautlos. Die Frage ist: Ändert sich das denn nie? Franziska macht einen Anfang, einen ersten Schritt in die andere Richtung. Und das gefällt mir, und ich hoffe, es werden mehr.

Von Melena