Buchhandlung Gunzenhausen
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Buch der Woche²

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Buch der Woche

Karin hat gleich zwei Bücher gelesen, die sie Euch vorstellen möchte:

Es war reiner Zufall, dass ich in letzter Zeit unmittelbar nacheinander die beiden neuen Bücher von Natascha Wodin („Nastjas Tränen“) und Marco Balzano („Wenn ich wiederkomme“), gelesen habe. Einfach, weil ich beide sehr gerne mag und eigentlich grundsätzlich alles von ihnen lese.

Nun ist es aber zufälligerweise auch so, dass beide Romane – bei aller Verschiedenheit – doch eines gemeinsam haben: Die zentrale Figur ist jeweils eine aus Osteuropa stammende Frau, die sich aus schierer Not gezwungen sieht, ihr Glück als Reinigungs- bzw. Pflegekraft in einem westeuropäischen Land zu suchen. Bei Wodin in Deutschland, genauer gesagt, in Berlin. Bei Balzano im italienischen Mailand. Beide aber zunächst auf illegalem Weg.

Nachdem ich selbst im Rahmen der Pflege meiner Mutter Erfahrungen von der „anderen“ Seite gemacht habe, haben mich beide Bücher tief berührt. Ich hatte das Glück, zwei wunderbare Frauen aus Polen und Rumänien jeweils über einen längeren Zeitraum in unserem Haushalt haben zu dürfen. Trotzdem war der Kraftakt gewaltig – für alle Beteiligten. Obwohl selbstverständlich alles in legalem Rahmen, kam ich nicht umhin, eine Ahnung davon zu bekommen, was diese Frauen auf sich nahmen. Während sie sich so liebevoll um meine Mama kümmerten, ließen sie ihre Familien zuhause über Monate hinweg zurück. Dabei mussten sie nicht einmal die ständige Angst vor Entdeckung und Abschiebung verkraften, die beide Figuren in den vorliegenden Romanen ständig im Würgegriff hat.

„Wenn ich wiederkomme“ von Marco Balzano

Vor allem Marco Balzano legt den Fokus nicht nur auf Daniela. Sie sieht sich in der Pflicht, ihren Kindern die Bildung zu finanzieren, die es ihnen ermöglichen soll, der Perspektivlosigkeit ihrer ländlichen rumänischen Heimat zu entkommen. Einige Kapitel sind aus der Sicht der beiden zurückbleibenden Kinder geschrieben. Vor allem der noch schulpflichtige Sohn leidet unter der Abwesenheit der Mutter. Sein Aufbegehren führt schließlich zu einem tragischen Unglück, das die Mutter wieder in die Heimat zurückruft.

Und die große Schwester, der es dank der Überweisungen aus Italien möglich ist zu studieren? Ist sie damit zu immerwährender Dankbarkeit verpflichtet und dazu verurteilt, die an sie gestellten Erwartungen nach Mutters Plan zu erfüllen? Keine dieser Fragen wird zufriedenstellend beantwortet, aber ich fand es total spannend und wichtig, dass sie gestellt wurden. Marco Balzano tut dies sehr geschickt, indem er unterschiedliche Erzählperspektiven verwendet.

„Nastjas Tränen“ Von Natasche Wodin

Dieses Kunstgriffs bedient sich Natascha Wodin nicht. Vielleicht hat der ein oder andere ihren ersten Roman „Sie kam aus Mariupol“ gelesen. Dort erzählt sie die Geschichte ihrer Mutter, die von den Nazis als Zwangsarbeiterin aus der Ukraine nach Deutschland verschleppt worden war und an diesem Schicksal letztendlich zerbrochen ist. Die Autorin als deren Tochter ist also durchaus der Auffassung, dass sie aufgrund der gemeinsamen Wurzeln imstande ist, sich in die Lage und das Gefühlsleben ihrer ukrainischen Reinigungskraft hineinzuversetzen.

Voll des guten Willens nimmt sie sich der nach unsäglichen Irrfahrten und Schicksalswendungen bei ihr gestrandeten Nastja an und bei sich auf. Sie versucht ihr nach Kräften zu helfen. Und es gibt sie, die Momente der Freundschaft, der vermeintlichen Seelenverwandtschaft, die mit ihren Berliner Bekannten so nie möglich wären. Und dann verhält sich Nastja wieder entsetzlich kratzbürstig und ist nicht in der Lage, gutgemeinte Zuwendungen anzunehmen. So weist sie die von Natascha zubereiteten Speisen meist nach einem Bissen schroff zurück, was diese verständlicherweise verletzt und die Welt nicht mehr verstehen lässt. Langsam geht ihr auf, dass sie doch im Grunde viel mehr Westeuropäerin ist, als sie geglaubt hat. Gleichzeitig droht sich in Nastja quasi das Schicksal Wodins Mutter zu wiederholen. Zerrissen zu sein zwischen zwei Welten und keiner davon wirklich zugehörig.

Ich habe beide Bücher sehr gerne gelesen, beide sind toll geschrieben und mir sehr nahe gegangen. Ganz nebenbei wird das Wissen um die Ursprünge der ganzen unseligen Ukraine-Zugehörigkeits-Geschichte aufgefrischt. Man bekommt eine Ahnung davon, was der Zusammenbruch des Sowjetreichs tatsächlich für die Lebensumstände der betroffenen Menschen bedeutet hat…

Fazit für beide Bücher: unbedingt lesenswert!

Von Melena