Buchhandlung Gunzenhausen
Blog
„Das Flirren der Dinge“ <br>von Raffaella Romagnolo

„Das Flirren der Dinge“
von Raffaella Romagnolo

Buch der Woche

Oft ist es ja so, dass ich bei Büchern, von denen meine Kolleg*innen schwärmen, eher denke: „Prima, das kann ich empfehlen und muss es gar nicht selbst lesen“. Diesmal war Karin aber besonders hartnäckig und so habe ich mich glücklicherweise überreden lassen und „Das Flirren der Dinge“ von Raffaella Romagnolo auch selbst gelesen – es hat sich gelohnt!

Karins Empfehlung

Ich weiß, ich weiß, es ist wieder Italien, aber ich kann’s auch nicht ändern: Es ist das beste Buch, das ich in den vergangenen Monaten gelesen habe.

Schon mit„Bella Ciao“ hat mich Raffaella Romagnolo vor einigen Jahren begeistert. Auch in ihrem neuen Roman entführt sie uns in die Geschichte ihres Landes. Lesenswert ist dieser Roman allerdings bei weitem nicht nur für Geschichtsinteressierte, sondern auch für jeden, der den Namen Garibaldi bisher nur im Zusammenhang mit „Via“ oder „Piazza“ kannte.

Der legendäre Freiheitskämpfer war im Jahr 1860 mit rund 1000 Mitstreitern, den sogenannten Rothemden, von Genua aus nach Sizilien gestartet. Ihre Mission: die Vereinigung Italiens. Dieser „Zug der Tausend“ ging in die Geschichte ein und motivierte den Porträtfotografen Alessandro Pavia dazu, Jahre nach den Ereignissen die überlebenden Teilnehmer, inklusive Garibaldi persönlich, im ganzen Land aufzuspüren und ein Album mit ihren Porträts zusammenzustellen.

Antonios Gabe

Soweit der reale historische Hintergrund, vor dem uns die Autorin Antonios Geschichte erzählt. Keiner von uns kann sich wohl wirklich vorstellen, wie es in Waisenhäusern des ausgehenden 19. Jahrhunderts zugegangen sein muss. Wohl aber, dass der kleine Antonio sein Glück kaum fassen kann, als er von dem großen Fotografen als Lehrjunge ausgewählt wird. Ausgerechnet er, der auf einem Auge nahezu blind ist. Er folgt dem Meister in sein Studio in Genua. Von dort aus begleitet er ihn auf der Suche nach den Helden von einst. Er lernt den Umgang mit Glasplatten und Chemikalien und erweist sich bald als talentierter Schüler. Wären da nicht die schrecklichen Visionen: Blickt er mit seinem trüben Auge durch das Objektiv, fangen die Dinge an zu „flirren“. Zunächst wehrt er sich noch, doch die Erkenntnis lässt sich nicht ignorieren. Antonio kann das Ende der Menschen vor seiner Kamera vorhersehen. Er fragt sich, ob er seine Gabe auch dazu nutzen kann oder sogar muss, um das Schicksal zu beeinflussen.

Ein positive Nebenwirkung meiner Quarantäne war, dass ich das Buch regelrecht verschlingen konnte. Raffaella Romagnolo schreibt wunderschön. Ich finde es faszinierend, wie lebendig sie die Figuren gestaltet und habe mit Antonio mitgelitten und mitgefiebert. Auch die Einblicke in die Anfänge der Fotografie sind nie trocken, sondern hochinteressant. Das Gleiche gilt für den historischen Hintergrund. Ich bin jetzt schon gespannt, um wen oder was sich ihr nächstes Buch drehen wird. Ich werde es mir jedenfalls unbesehen „gönnen“.

Von Melena