Buchhandlung Gunzenhausen
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„Das Seelenhaus“ <br>von Hannah Kent

„Das Seelenhaus“
von Hannah Kent

Buch der Woche

Häufig entdecke ich Bücher erst durch meine Kunden – verkehrte Welt! Aber so werde ich auch auf Bücher und Themen aufmerksam, die meinem üblichen „Beuteschema“ nicht unbedingt entsprechen – und positiv überrascht. Eines dieser Bücher ist „Das Seelenhaus“ von Hannah Kent. Als ich die Kundenbestellung ins Abholfach räumen wollte, blieb ich schon am Klappentext kleben und musste einfach wissen, was die Geschichte dieser Frau – Agnes Magnúsdóttir – ist. Und tatsächlich hat mich das Buch dann ganz in seinen Bann gezogen. Es nimmt einen mit ins Island des 19. Jahrhunderts – in eine kalte, raue Welt, in der ein uneheliches, von der Mutter verlassenes Kind wenige Chancen hat. Agnes erlebt kurze glückliche Zeiten und wenig menschliche Nähe – jeweils jäh unterbrochen. Dennoch ist sie eine selbstbewusste Frau, die sich nach Anerkennung sehnt, die sich mehr wünscht als das Dasein einer einfachen Magd. Der Leser lernt sie erst am Ende ihres Lebens kennen, als sie auf dem Hof eines Beamten auf ihre Hinrichtung wartet. Wo die Mörderin zunächst auf Ablehnung stößt, erzählt sie nach und nach in Gesprächen mit dem Pfarrer und der Bäuerin ihr Leben und gewinnt deren Vertrauen. Fast noch interessanter als die Antwort auf die Frage, was Agnes wirklich getan hat, ist die Stimmung, die dieses Buch erzeugt. Es ist, als wäre man selbst beim Lesen auf dieser grauen, kargen und kalten Insel, als müsste man mit allen Bewohnern des Hofes in einem engen Raum – dem Badstofa – schlafen, als wäre das eigene Leben bestimmt vom Wetter und der harten Arbeit, die notwendig ist, diesem Land genug Nahrung abzutrotzen. Ein Buch, das nicht „schön“ ist, aber intensiv und sehr berührend.

Von Melena