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„Die Hochzeit der Chani Kaufman“ <br>von Eve Harris

„Die Hochzeit der Chani Kaufman“
von Eve Harris

Buch der Woche

Selten waren wir uns im Lesekreis so einig wie bei diesem Buch: Es ist wunderbar! „Die Hochzeit der Chani Kaufman“ von Eve Harris nimmt einen mit in eine scheinbar andere Welt, in eine vermeintlich ganz andere Zeit und spielt doch mitten unter uns – im modernen London. Es ist die Geschichte der 19-jährigen Chani Kaufman, einer jungen orthodoxen Jüdin, die mit sieben Schwestern als Tochter eines Rabbis in London aufwächst – und nun mit 19 endlich verheiratet werden soll. Ihre Welt ist die jüdisch-orthodoxe Gemeinde Londons, die sich vollständig abschottet von der modernen Londoner City. Mädchen und Frauen tragen lange Röcke. Hosen sind ihnen unter­sagt. Nach der Heirat ver­bergen sie ihr Haar unter Perücken. Die Herren sind in lange schwarze Mäntel gekleidet. Unter ihren breit­krem­pigen schwarzen Hüten kringeln Ohr­locken hervor. Die meisten Männer tragen einen dichten, dunklen Vollbart. Literatur und Fernsehen sind verboten, Liebe und körperliche Nähe gibt es natürlich erst und ausschließlich in der Ehe.

Doch Chani ist anders, sie nimmt sich kleine Freiheiten, die für uns selbstverständlich sind, in ihrer Welt aber Grenzen überschreiten. Dennoch oder gerade deswegen ist sie Baruch, dem Sohn aus wohlhabender Familie und angehenden Rabbi aufgefallen, der sie gegen den Widerstand seiner Mutter heiraten will. Was sich fast kitschig anhört, ist jedoch ein unglaublich facettenreicher Einblick in diese Welt, die mitten unter uns existiert und uns doch so fremd ist. Dabei werden uns die Figuren, die Harris beschreibt, sehr vertraut und wir kommen ihnen ganz nah. Neben Baruch und Chani lernen wir auch Rebecca, die Frau des Rabbis, und ihre Famlie kennen. Sie soll Chani auf die Ehe vorbereiten und wird ihr zur Vertrauten und verständnisvollen Freundin. Sie hatte sich vor vielen Jahren aus Liebe für dieses streng geregelte Leben entschieden und steht nun erneut vor der Entscheidung, ob sie in diesem Leben und an der Seite ihres Mannes ihr Glück findet.

Harris schafft es mit ihrer wundervollen Sprache, diese Geschichte ganz ohne Kitsch, sehr authentisch, berührend und intensiv zu erzählen. Sie beurteilt nie, sondern lässt dem Leser Raum, sich ein Bild dieser Welt zu machen, lässt ihn eintauchen und zeigt vor allem die Menschen hinter den Perücken, Bärten und Hüten. Diese Buch hat mich noch lange nach der letzten Seite beschäftigt und ich hätte die Figuren gerne noch viele weitere Jahre begleitet!

Von Melena