Buchhandlung Gunzenhausen
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„Die Träume anderer Leute“<br> von Judith Holofernes

„Die Träume anderer Leute“
von Judith Holofernes

Buch der Woche

„Wir sind Helden“ waren die erste und wahrscheinlich einzige Band, die ich ganz für mich allein „entdeckt“ habe. Ich kann mich nicht daran erinnern, wie genau das stattfand, aber es war eben kein Tipp aus dem Freundeskreis oder der Wunsch einem Schwarm zu folgen. Das war auch insofern etwas Besonderes für mich, weil es damals schon ein Gefühl von „Nach-Hause-kommen“ war. Mein Zugang zu Musik fand schon immer in erster Linie über die Texte statt. Lange dachte ich, das sei irgendwie falsch. Heute habe ich es akzeptiert. Ich tanze gerne, ich liebe Musik, aber mein Zugang ist eben der Text. Als Buchhändlerin und Literaturwissenschaftlerin ist das vielleicht auch einfach mein natürliches Medium.

Auch nach der Auflösung der Helden, blieb ich ein Fan der Texte von Judith Holofernes und ihrer Musik. Viele ihrer Lieder sprechen mir aus der Seele. Und nun hat sie ein Buch geschrieben – und was soll ich sagen: Es ist an vielen Stellen, als würde ich meine Gedanken in ihrem Buch wiederfinden. Sie beschreibt ihren Weg nach der Auflösung der Helden. Ihren Weg zu ihrer Kunst, zu ihrer Rolle als Mutter, ihr Scheitern und ihr Wiederaufstehen. Aber sie beschreibt an vielen Stellen auch meine Lebensthemen, meine Suche nach Selbstbestimmung und Selbstständigkeit im Spannungsfeld zwischen Beruf und Mutter- und Frausein.

Von den Träumen anderer Leute zu einem eigenen Leben

Mit großer Klarheit und Zartheit und dem ihr eigenen Witz schreibt Holofernes über Fluch und Segen des frühen Erfolgs der Helden; über die Vereinbarkeit von Familie und Frontfrausein; über die öffentliche Wahrnehmung des eigenen Körpers, das Aufwachsen mit ihrer lesbischen Mutter in Freiburg; über die tiefen Einschnitte in ihrem Leben, die Zweifel, den Schmerz. Immer wieder geht es auch um die Musikbranche, um das Verhältnis zu ihren Fans, eigenartige Konzerte im Hellen, aber auch um die starren Mechanismen des Betriebs und den Sexismus.
Eindrücklich zeigt Judith Holofernes in »Die Träume anderer Leute«, wie sie sich nach und nach aus den kommerziellen Zwängen und der Enge des Musikbetriebs befreit hat. Wie sie zu der Künstlerin wurde, die sie so lange sein wollte – und damit ihr Leben zurückbekam.

Das Großartige an Judith Holofernes‘ Buch sind nicht nur die Themen, sondern auch ihr Stil. Für alle Fans ihrer Liedtexte wird es ein wenig wie ein sehr langes Lied sein: Poesie kombiniert mit Sprachwitz!

Von Melena