Buchhandlung Gunzenhausen
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„Ein Hummerleben“ <br>von Erik Fosnes Hansen

„Ein Hummerleben“
von Erik Fosnes Hansen

Buch der Woche

Immer wieder erlebe ich, wenn ich von einer Lesung erzähle oder Werbung dafür mache, dass mir Freunde und Kunden sagen: „Das ist doch nichts für mich!“ Aber warum? Die Lesungen, die ich bisher erlebt habe, waren viel mehr als eine beschauliche Vorlesestunde. Sie waren Einblick in das Leben der Autoren, Blick hinter die Kulissen ihrer Arbeit, unterhaltsames Eintauchen in die Entstehung ihrer Bücher und oftmals sehr, sehr lustig! Ganz besonders viel gelacht haben Karin und ich, als Erik Fosnes Hansen erklärte, wie die Norweger dank Derrick deutsch lernen! Herrlich! Ich habe seinen neuen Romans „Ein Hummerleben“ im Anschluss noch viel lieber gelesen. Und obwohl Hansen ein Buch über den Niedergang eines einstmals mondänen Hotels in den norwegischen Bergen geschrieben hat, ist sein Humor auch hier auf jeder Seite spürbar – und es gibt ein Wiedersehen mit Derrick.

Hauptfigur und Erzähler ist der 13-jährige Sedd. Er erzählt mit jugendlicher Naivität eine Geschichte über Lügen und Geheimnisse, falsche Erwartungen und großelterliche Liebe.
Ein Hotel hoch oben im norwegischen Fjell in den 1980er-Jahren. Sedd wächst bei seinen Großeltern auf. Über seinen Vater weiß er nicht viel, die Mutter ist verschollen. Liebevoll, aber bestimmt wird er von den Großeltern – der Großvater ist nebenbei Tierpräparator, die Großmutter stammt aus Wien – auf seine Rolle als künftiger Hotelerbe vorbereitet. Er hilft als Laufbursche, Küchenjunge und Tourenbetreuer aus und verinnerlicht den Leitsatz »Jeder einzelne Gast zählt« bereits im zarten Kindesalter. Zufluchtsort ist für ihn die Großküche des Hotels, in der der ehemalige Seefahrer Jim schaltet und waltet und für Sedd Vater, Mutter und Freund zugleich ist, wenn die Großeltern keine Zeit für ihn haben. Doch spätestens, als der Bankdirektor Berg bei einem Essen stirbt, zeigen sich erste Risse in der vermeintlichen Idylle.

Während für den Leser schnell klar ist, dass die perfekte Fassade des Nobelhotels tiefe Risse aufweist, glaubt Sedd lange an seine Rolle als Erbe eines erfolgreichen Hotels. Als Leser macht es Spaß immer ein wenig mehr zu wissen als der Erzähler. Ein in all seiner Tragik sehr humorvoller Blick auf den Niedergang eines Hotels und eine besondere Familiengeschichte. Mit bewussten Bezügen zur Finanzkrise – wie wir seit der Lesung mit Hansen in Weißenburg wissen.

Von Melena