Buchhandlung Gunzenhausen
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EMspezial <br>– Halbfinale –

EMspezial
– Halbfinale –

Buch der Woche

Auch in unserem Schaufenster ist gut zu erkennen, dass die EM langsam aber sicher dem Ende entgegen geht: Während das Spielfeld sich leert wird die Fläche darum herum, wo sich die ausgeschiedenen Bücher tummeln, immer voller. Wir sind sehr gespannt, welche „Mannschaften“ in den nächsten beiden Tagen unser Spielfeld verlassen müssen.

Unser Spielplan für Donnerstag, 7. Juli 2016

Im zweiten Halbfinale erwartet Fußballfans auf der ganzen Welt ein echter Klassiker. Die Franzosen müssen dabei gegen den Schrecken aller Gastgeber antreten. Denn Deutschland war bereits für zahlreiche Teams der Spielverderber auf dem Weg zum Titel im eigenen Land.

Die Heimelf ist schwer einzuschätzen, da sie im bisherigen Turnierverlauf kaum gefordert wurde und so ist es schwer zu beurteilen, wie es um die eigentliche Leistungsfähigkeit bestellt ist. Die Fans von les Bleus sind aber wohl schon froh darüber, dass ihr Team, das in den letzten Jahren mehr durch Skandale, innere Zerrissenheit und Extravaganz der Spieler aufgefallen war und somit eine Provokation für das Selbstverständnis der Grande Nation dargestellt hat, das Halbfinale überhaupt erreicht hat.

Und hier haben wir schon die erste Verbindung zu unserem Autor, den wir für Frankreich in die Begegnung schicken: in ihm sehen viele den großen Provokateur; für andere hingegen ist er ein Schriftsteller, der ein feines Gespür für Entwicklungen hat. In seinem Buch „Unterwerfung“, das hitzige Diskussionen heraufbeschworen hat und am Tag der Anschläge auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo erschienen ist, legt Michel Houellebecq in unbegreiflich schlüssiger Form dar, wie sich Frankreich von einem laizistischen Staat zu einer islamischen Theokratie entwickeln könnte.
Die Nonchalance, mit der Houellebecq seinen intelektuellen Antihelden Francois die unglaublichen Ereignisse zwischen dem langsamen Aufstieg des muslimischen Präsidentschaftskandidaten Ben Abbes und der späteren Einführung der Scharia nach dessen Wahlsieg hinnehmen lässt, sorgten für viel Wirbel in unserem Nachbarland.

Eine aufsehenerregende Provokation war das Erscheinen des Fußballsachbuches „Vom Libero zur Doppelsechs“, dem Debüt des Sportjournalisten Tobias Escher, wohl nicht. Das Druckwerk dürfte bisher eher eine geringere Leserschaft gefunden haben. Über kontroverse Diskussionen ist ebenfalls nichts bekannt. Und das trotz der Tatsache, dass Fußball in Deutschland einen absoluten Sonderstatus genießt und zig Millionen Fans im Allgemeinen sowie Bundestrainer im Besonderen hat. Hoffentlich hat wenigstens Jogi Löw einen Blick in das unterhaltsame und erhellende Buch geworfen. In anschaulicher Weise beschreibt Escher, wie sich der Fußball und dessen Taktik in Deutschland von den Anfängen bis zum WM-Triumph 2014 verändert haben. Ohne sich in Details zu verlieren, erklärt er schlüssig die Entwicklungen und entscheidenden Weichenstellungen, welche dazu geführt haben, dass der deutsche Fußball aktuell so erfolgreich ist. Nebenbei räumt er noch mit dem ein oder anderen Mythos auf.

Ob das Studium des Buches ausreicht, um ins Finale einziehen zu können, erscheint zweifelhaft. Gegen den manchmal unorthodox auftretenden, hoch veranlagten Gastgeber bedarf es nämlich nicht nur eines guten Matchplans sondern auch Entschlossenheit und ein wenig Fortune.

Unser Spielplan für Mittwoch, 6. Juli 2016

 

Superstar Ronaldo gegen die Außenseiter aus Wales: Da begegnen sich auf dem Fußballfeld zwei Mannschaften mit sehr gegensätzlichen Ansprüchen und aus ganz anderen Klassen – zumindest auf dem Papier. Doch während Portugal bisher eher enttäuscht hat und nur mit sehr viel Glück das Halbfinale erreichte, hat Wales alle überrascht und durch sein mutiges Spiel viele neue Fans gewonnen.

Auf literarischer Ebene sind die Unterschiede nicht ganz so groß, auch wenn wir uns in verschiedenen Genres bewegen. Wir haben zwei Poeten aufgestellt, die es verstehen, mit Sprache zu dribbeln. Für Portugal spielt wieder António Lobo Antunes mit „An den Flüssen, die strömen“. In der Chronik seiner Krankheit erzählt Antunes ganz offen von seiner Krebserkrankung. Er berichtet von den zwei Wochen, die „Senhor Antunes“, sein literarisches Alter Ego, in einem Krankenhaus verbringt, und mischt Fieberträume und Verzweiflung, Schmerzen und Ängste, Erinnerungen an seine Kindheit, seine Eltern, aber auch an die Landschaft, die ihn prägte. Während das was hier erzählt wird, kaum zu fassen ist, malt der Text poetische Bilder und spielt eine magische Melodie.

Auf waliser Seite schicken wir Dylan Thomas mit seinem größten Erfolg dem Theaterstück und Hörspiel „Unter dem Milchwald“ aufs Feld. Thomas lässt uns einen Blick unter die Dächer eines fiktiven walisischen Ortes werfen und liefert damit einen faszinierenden Bericht aus der brititschen Provinz. Mit einer fast mystischen Geräuschkulisse lässt er uns problemlos in die walisische Kleinstadt eintauchen. Ein “Spiel für Stimmen“, das sich vor Antunes poetischer Prosa nicht verstecken muss.

Bei uns findet ein Spiel auf Augenhöhe statt – wir sind gespannt, ob die Waliser dieses den Portugiesen auch auf dem Spielfeld liefern können.

Von Melena