Buchhandlung Gunzenhausen
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„Lügen über meine Mutter“ <br>von Daniela Dröscher

„Lügen über meine Mutter“
von Daniela Dröscher

Buch der Woche

Oft vergehen Wochen nach dem Lesen eines Buches bis ich es Euch vorstelle. Manchmal liegt das daran, dass ich ein Leseexemplar schon vor der Veröffentlichung gelesen habe. Meistens habe ich einfach noch viele Bücher auf Halde, die nicht in Vergessenheit geraten sollen. Aber „Lügen über meine Mutter“ von Daniela Dröscher MUSS ich Euch unbedingt gleich ans Herz legen! Ich habe es in den vergangenen Tagen verschlungen. Eigentlich wollte ich Sonntagvormittag nur kurz reinlesen, ob ich es wirklich lesen will. Dann konnte ich es nicht weglegen. Bin erst nicht aus dem Bett, dann nicht vom Sofa und schließlich abends auf dem Spielplatz nicht von der Bank losgekommen. Dabei ist es schwierig zu sagen, das Buch sei spannend oder hätte mich gut unterhalten. Es hat mich eher aufgewühlt, auf links gedreht, mich in meine Kindheit zurück versetzt und nicht mehr zurück in die Gegenwart gelassen. Bis ich die letzte Seite gelesen hatte.

Daniela Dröscher erzählt vom Aufwachsen in einer Familie, in der ein Thema alles beherrscht: das Körpergewicht der Mutter. Ist diese schöne, eigenwillige, unberechenbare Frau zu dick? Muss sie dringend abnehmen? Ja, das muss sie. Entscheidet ihr Ehemann. Und die Mutter ist dem ausgesetzt, Tag für Tag.

„Lügen über meine Mutter“ ist zweierlei zugleich: die Erzählung einer Kindheit im Hunsrück der 1980er, die immer stärker beherrscht wird von der fixen Idee des Vaters, das Übergewicht seiner Frau wäre verantwortlich für alles, was ihm versagt bleibt: die Beförderung, der soziale Aufstieg, die Anerkennung in der Dorfgemeinschaft. Und es ist eine Befragung des Geschehens aus der heutigen Perspektive: Was ist damals wirklich passiert? Was wurde verheimlicht, worüber wurde gelogen? Und was sagt uns das alles über den größeren Zusammenhang: die Gesellschaft, die ständig auf uns einwirkt, ob wir wollen oder nicht?

Nein, natürlich war die Situation in meiner Familie überhaupt nicht vergleichbar. Aber Daniela Dröscher schafft eine Atmosphäre, die mir mein eigenes Großwerden neu erklärt. Sie findet Begriffe für eine Familienstruktur, die in den 80ern selbstverständlich war. Und deren Schatten mich bis heute begleiten. Vieles von dem, was Daniela Dröscher in Worte fasst, habe ich schon vorher gefühlt – nun habe ich eine Erklärung. Ein unglaublich berührender und kluger Roman. Ich freue mich sehr, dass er für den deutschen Buchpreis nominiert ist. Noch mehr würde es mich freuen, wenn er viele, viele Leser*innen findet, die mit mir darüber reden wollen.

Von Melena