Buchhandlung Gunzenhausen
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„Monster“ <br>von Yishai Sarid

„Monster“
von Yishai Sarid

Buch der Woche

Im Juni war ich gemeinsam mit zwei Freundinnen in Krakau und vor allem in Auschwitz. Die ganze Reise entsprang dem Wunsch, uns diesen Ort anzusehen. Und dann? Ja, dann war es auch erschütternd, bewegend, traurig, kalt und all das, was wir erwartet hatten. Aber es war auch voll. Ein Ort des Massentourismus, von Selfies unter dem „Arbeit macht frei“-Schriftzug, langen Schlangen vor dem Check-In, „Bitte die Treppe rechts hoch und links runter“-Anweisungen, von monotonen Erklärungen, die sich auswendig gelernt anhörten, von Schülergruppen, die ihre Israel-Flaggen als Umhänge verwenden, und dem Gefühl, dem Grauen so nicht wirklich näher kommen zu können.

Ich habe so viel über Auschwitz und den Holocaust gelesen. Ich wurde auf so viele Arten in der Literatur berührt und erschüttert, aber der Ort selbst – so wie er heute ist – hatte eine ganz andere Wirkung. Ich habe mich gefragt, wie Erinnerung heute sein sollte. Was der Besuch von Auschwitz für mich bedeutet und ob ich mich „richtig“ verhalten habe. Anschließend ließen mich diese Fragen nicht mehr los. Ich hatte nicht mehr das Bedürfnis, über die Schrecken des Holocaust zu lesen. Ich hatte vielmehr das Gefühl, „genug“ zu wissen. (Auch wenn ich nun sechs Wochen später wieder spüre, dass ich sicher nie genug wissen kann).

Aber ich hatte den Wunsch, mehr über das Erinnern zu erfahren. Ich habe in der Zeit über einen Guide in Auschwitz gelesen. Nun verstehe ich ein wenig mehr, was es heißt, jeden Tag Menschen durch diesen Ort zu begleiten, die oft gar nicht wissen, was dort geschehen ist. Und ich bin auf „Monster“ von Yishai Sarid gestoßen. Dies geschah eher zufällig, weil ich es für einen Lesekreis lesen musste. Aber plötzlich wusste ich: Das ist das Buch, das ich jetzt brauche!

Am Ende des Romans steht eine Eskalation: Ein israelischer Tourguide streckt im Konzentrationslager von Treblinka einen deutschen Dokumentarfilmer mit einem Faustschlag nieder. Wie kam es dazu? In einem Bericht an seinen ehemaligen Chef schildert der Mann, wie er jahrelang Schulklassen, Soldaten und Touristen durch NS-Gedenkstätten geführt hat und wie unterschiedlich diese mit der Erinnerung an den Holocaust umgehen. Nach und nach zeigt sich, dass seine Arbeit nicht spurlos an dem jungen Familienvater vorübergeht – die Grauen der Geschichte entwickeln einen Sog, gegen den keine akademische Distanz ankommt. Gleichzeitig wächst sein Frust über die eigene familiäre und berufliche Situation. Am Ende wollen alle in erster Linie aus dem Holocaust – und dem Gedenken daran – einen Nutzen für sich selbst ziehen. Als der Erzähler das erkennt, wird er vom Beobachter zum Akteur, und der Kreislauf der Gewalt vollendet sich.

Yishai Sarid, einer der bekanntesten Autoren Israels, wirft in seinem Roman ein neues Licht auf die Erinnerungskultur, wagt sich an vermeintlich unantastbare Fragen und stellt in stillem, unaufgeregtem Ton eingefahrene Denkmuster infrage.

„Monster“ wird sicher nicht das letzte Buch sein, das ich über Auschwitz gelesen habe. Der Besuch an diesem Ort hat mich, auf ganz andere Art als ich es erwartet hatte, aufgerüttelt, bewegt und in eine neue Richtung gestoßen. Ich habe gemerkt, dass es nicht genügt, den Holocaust nicht zu vergessen und zu erinnern, um neue Verbrechen zu verhindern. Auch die Erinnerung selbst darf nicht missbraucht werden. Sie darf nicht nur „Show“ sein, sie darf die Menschen, die Opfer nicht unter der reinen Masse an Verbrechen vergraben. Aber auch ich weiß nicht, wie es „richtig“ geht. Ich weiß nur, dass es wichtig ist, sich dieser Frage zu stellen!

Von Melena