Buchhandlung Gunzenhausen
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„Normale Menschen“ <br>von Sally Rooney

„Normale Menschen“
von Sally Rooney

Buch der Woche

Ich lese nicht nur gerne – ich rede auch gerne darüber. Mit meinen Kunden natürlich, aber auch mit meinen Kolleg*innen! Ganz oft lese ich ein Buch, weil es mir im Team empfohlen wurde. Und manchmal lesen wir sogar parallel: wie im Fall von „Normale Menschen“ von Sally Rooney mit Tina. Immer wenn wir uns im Laden getroffen haben, ging es los: „Und, was sagst Du? Wie weit bist Du? Warte mal ab…“

Deswegen gibt es heute eine zweigeteilte Meinung – wobei eigentlich waren wir uns ziemlich einig:

Tinas Meinung

Was gibt es aufregenderes als die erste Liebe? Dieses Hochgefühl, die Schmetterlinge im Bauch, das Dauergrinsen im Gesicht – gefolgt von diesem fast körperlichen Schmerz der Enttäuschung. All das steckt in Sally Rooneys neuem Roman „Normale Menschen“, der mich genau an diese Phase in meiner Jugend erinnert, aber viel mehr ist als eine Liebesgeschichte unter jungen Leuten. Die Verbindung der beiden Teenager Marianne und Connell ist etwas ganz Besonderes: Wie zwei Magnete fühlen sie sich zueinander hingezogen, sie scheinen wie füreinander geschaffen. Sie können nicht nur über alles reden, sondern auch offen und ohne Scham ihre Sexualität entdecken. Und doch wollen sie nicht, dass irgendjemand aus der Schule erfährt, dass sie – der Star der Fußballmannschaft und die sonderbare Außenseiterin – weit mehr sind als Klassenkameraden.Ob das verborgene Ängste oder althergebrachte Gesellschaftsklischees sind – Connell ist der Sohn der Putzfrau von Mariannes Mutter – oder auch die Freude am Geheimnis an sich, lässt sich nur erahnen.

Vor allem Connell ist offensichtlich mit der Intensität seiner Gefühle überfordert, weshalb er auch immer wieder versucht, sich zu entziehen. So erleben Marianne und Connell in ihrem Bemühen, „normale Menschen“ zu sein,  wechselnde Partner, Hochs und Tiefs, verfallen in Magersucht und Depression und müssen sich ihrer Vergangenheit stellen. Letztlich können sie aber nicht voneinander lassen. Doch auch wenn der Leser längst anderer Meinung ist, bleibt die Beziehung merkwürdig unverbindlich. Immer wieder fällt der Satz: „Wir waren nie wirklich zusammen.“ Ein Satz, der mich angesichts der vielen gemeinsamen Nächte, des vertrauten Umgangs und der eingestandenen gegenseitigen Liebe doch etwas fassungslos machte. Was waren sie dann, wenn nicht zusammen?

Das ist der Moment, in dem man ihnen – angetrieben von der eigenen Lebenserfahrung – einfach helfen und zurufen möchte: „Los, traut euch, macht es euch doch nicht so schwer.“ Aber das ist wohl genau das Problem dieser Generation, das Sally Rooney hier in dieser ungewöhnlichen, fein pointierten Liebesgeschichte unter die Lupe nimmt: Nur nicht festlegen, immer schön sämtliche Optionen offenhalten. Dafür beobachtet sie ihre Protagonisten genau, lässt kleine Gesten und geschliffene Dialoge wirken, die das Buch letztlich zu einem nachhallenden, aber nicht unbedingt romantischen Leseerlebnis werden lassen.

Meine Meinung

Tja, was ist dem noch hinzuzufügen? Letztlich war „Normale Menschen“ für mich viel weniger Liebesgeschichte als moderne Familien- und Gesellschaftsstudie. Ich fand es spannend, wie aus der Außenseiterin der Schule, mit der man nicht in Verbindung gebracht werden möchte, der strahlende Mittelpunkt der Studentenclique wird. Und wie der Star der Fußballmannschaft plötzlich im Abseits steht. Und wie zwei Menschen, die sich lieben, diese gesellschaftlichen Grenzen nicht überwinden können. Das tut richtig weh! Wäre es nicht so einfach? Genau das macht Sally Rooneys Roman aus. Dabei ist sie eben nicht kitschig und es geht auch nicht um eine „Aschenputtel findet ihren Prinz“-Liebesgeschichte. Es geht um Zugehörigkeit, Ausgrenzung, Gewalt in der Familie und ja, auch um Liebe!

Einig sind wir uns darin, dass dieses Buch lesenswert ist – daher eine doppelte Buchempfehlung von uns!

Von Melena