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„Robinsons Tochter“ <br>von Jane Gardam

„Robinsons Tochter“
von Jane Gardam

Buch der Woche

Heute gibt es mal wieder ein Buch der Woche von Tina:

Bei manchen Autoren kann man es kaum erwarten, bis endlich ein neues Buch erscheint. So geht es mir mit Jane Gardam, der großen englischen Lady der Erzählkunst. Nachdem ich mit dem Vorgänger „Weit weg von Verona“ nicht richtig warm geworden bin, war ich ehrlich gespannt auf ihren neuen Roman. Und wurde nicht enttäuscht: Mit „Robinsons Tochter“ zeigt sie mal wieder, dass sie diesen Titel  absolut zu Recht trägt.

Zum Buch

Im Mittelpunkt dieser klug erzählten Geschichte steht Polly Flint, die im Alter von sechs Jahren schon eine ziemliche Odyssee von Pflegefamilie zu Pflegefamilie hinter sich hat. Der Vater verdient als Seemann sein Geld, die Mutter ist tot. So landet das Mädchen 1904 schließlich bei seinen zwei Tanten Mary und Frances, den älteren Schwestern ihrer Mutter, und wird von ihnen im „Gelben Haus“ in der englischen Marschlandschaft groß gezogen.

Einzige Unterhaltung bietet die gut ausgestattete Bibliothek, in der Polly ihre Leidenschaft für Literatur entdeckt. Vor allem Defoes „Robinson Crusoe“ wächst ihr ans Herz. Der gestrandete Einsiedler gibt ihr Halt, ist ihr Anker im Leben und hält allen Stürmen stand. Und davon gib es so einige für die rebellische junge Frau, die erst nicht daran denkt, sich – sehr zum Verdruss ihrer frommen Tanten – konfirmieren zu lassen und später dann auch am Sinn einer Ehe ihre, für damalige Begriffe ungehörigen, Zweifel hat: „Aber ist eine Ehe wirklich das Einzige, was man braucht, um vollständig zu sein?“

Der Liebe allerdings ist Polly nicht abgeneigt, doch der Erste Weltkrieg hat seine eigenen Gesetze. Immer mehr zieht sie sich nach dem Tod ihrer Tanten in die Einsamkeit ihres Schreibtisches und zu Robinson Crusoe zurück, geht fast auf ihrer eigenen Insel zugrunde. Zwei ungewöhnliche Freundschaften sind nicht nur ihre Rettung, sondern zeigen ihr auch ihren Weg im Leben. Darüber hinaus kommt so manch gut gehütetes Geheimnis ans Tageslicht, raffiniert aufgedeckt in bester Jane-Gardam-Manier. Packend, einfühlsam und sehr klug ist dieses neue Buch über eine ungewöhnliche Frau geworden – das Warten darauf hat sich auf jeden Fall gelohnt.

Von Melena