Buchhandlung Gunzenhausen
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„Tante Martl“<br>von Ursula März

„Tante Martl“
von Ursula März

Buch der Woche

Es gibt Bücher, die verfolgen mich über Wochen: Das geht los mit einer Kundenbestellung. Man unterhält sich über das Buch, Parallelen zur eigenen Verwandtschaft und hat es erst einmal wieder vergessen. Dann zieht das Buch doch in den Laden ein. Fast täglich halte ich es in der Hand, ohne recht zu wissen, ob ich es lesen soll oder will. Dann empfiehlt es ein befreundeter Buchhändler in höchsten Tönen und wieder überlegt die Buchhändlerin, ob es auf der aktuellen Leseliste Platz hat. Sie nimmt es schon mal mit nach Hause, wo es wieder ein paar Wochen warten muss. Tja, und dann habe ich es eben doch gelesen und es sehr genossen:

Tante Martl ist scheinbar unscheinbar, in Wahrheit aber ganz besonders. Der Leser spürt es gleich an der Art, wie sie ihre Telefonanrufe eröffnet: mit einem Stöhnen, dem ein unerwarteter Satz folgt. Geboren als dritte Tochter eines Vaters, der nur Söhne wollte, ist Martl die ungeliebte Jüngste, die keinen Mann findet, dafür aber einen Beruf als Volksschullehrerin. Nie verlässt sie die westpfälzische Kleinstadt, in der sie geboren wurde, ja nicht einmal ihr Elternhaus. Und obwohl sie ihren Vater jahrelang pflegt, während ihre Schwestern Familien gründen, bewahrt sie ihre Selbstständigkeit. Wie Tante Martl das schafft und in hohem Alter noch einen großen Fernsehauftritt bekommt, erzählt Ursula März mit staunender Empathie und widerständigem Humor.

Ein Buch, das einen verstehen lässt, wie wir alle in den Rollen in unserer Familie gefangen bleiben. Ein Buch, das Mut macht, sich über seine eigene Rolle Gedanken zu machen und sie zu hinterfragen. Es beschreibt liebenswert und ehrlich eine Familie mit all ihren Fehlern. Und es beschreibt eine starke Frau, die sich ihrer Stärke nie ganz bewusst wird!

Von Melena