Buchhandlung Gunzenhausen
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„Vater unser“<br> von Angela Lehner

„Vater unser“
von Angela Lehner

Buch der Woche

Es gibt Bücher, da wird einem sehr vieles klarer, wenn man darüber spricht. Weil man etwas überlesen hatte, oder weil der Gesprächspartner eine ganz andere Sicht auf die Geschichte hat. Und dann gibt es Bücher wie „Vater unser“ von Angela Lehner, da kann man stundenlang diskutieren und wird sich nur insofern einig, dass man eben nie erfahren wird, was die Wahrheit ist bzw. was wirklich geschehen ist. Und soll ich euch etwas sagen, das ist genial!

Die Polizei hat sie hergebracht, in die psychiatrische Abteilung des alten Wiener Spitals. Nun erzählt sie dem Chefpsychiater Doktor Korb, warum es so kommen musste. Sie spricht vom Aufwachsen in der erzkatholischen Kärntner Dorfidylle. Vom Zusammenleben mit den Eltern und ihrem jüngeren Bruder Bernhard, den sie unbedingt retten will. Auf den Vater allerdings ist sie nicht gut zu sprechen. Töten will sie ihn am liebsten. Das behauptet sie zumindest. Denn manchmal ist die Frage nach Wahrheit oder Lüge selbst für den Leser nicht zu unterscheiden. In ihrem fulminanten Debüt lässt Angela Lehner eine Geistesgestörte auftreten, wie es sie noch nicht gegeben hat: hochkomisch, besserwisserisch und zutiefst manipulativ.

Genial wird dieses Buch, weil es niemals die Perspektive wechselt! Wir erfahren nur, was uns die Hauptfigur erzählt – und das widerspricht sich fast auf jeder Seite! Klar, das ist auch verwirrend, aber es macht auch Spaß und es zeigt ganz deutlich, dass verrückt nicht immer verrückt ist…

Von Melena