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„Vom Aufstehen“ von Helga Schubert

„Vom Aufstehen“ von Helga Schubert

Buch der Woche

Immer wieder ärgere ich mich, wenn ich ein besonders schönes Buch „nur“ gehört habe. Ich liebe Hörbücher, sie lassen sich einfach wunderbar in meinen Alltag integrieren und ich höre wirklich ständig ein Buch parallel zu meinen gelesenen Büchern. Aber wenn ein Buch sprachlich besonders schön, intensiv und anspruchsoll ist, kommt es eben auch vor, dass ich es eigentlich lieber gelesen hätte. Auf der einen Seite wäre „Vom Aufstehen“ von Helga Schubert genau so ein Fall. Auf der anderen Seite war es aber gerade als Hörbuch besonders schön. Ich hatte das Gefühl, meine Oma erzählt mir aus ihrem Leben. Die vielen Episoden, die Helga Schubert erzählt, sind nicht chronologisch geordnet. Es wirkt fast so, als erzählte sie immer wieder eine Geschichte, die ihr gerade in den Sinn kommt. Es ist, als wären wir im Gespräch und sie streut die ein oder andere Begebenheit ein. Manchmal sind es Erinnerungen an ihre Kindheit, Flucht und Vertreibung. Aber es geht auch um ihr Leben in der DDR, ihr Schreiben, ihre Ehe, ihren Sohn. Es geht um die Gegenwart mit ihrem kranken Mann in der Abgeschiedenheit der Provinz. Es sind unterhaltsame Anekdoten genauso wie schmerzhafte Erinnerungen. Im Mittelpunkt steht immer wieder die Mutter:

Drei Heldentaten habe sie in ihrem Leben vollbracht, erklärt Helga Schuberts Mutter ihrer Tochter. Sie habe sie nicht abgetrieben, sie im Zweiten Weltkrieg auf die Flucht mitgenommen und sie vor dem Einmarsch der Russen nicht erschossen.

In kurzen Episoden erzählt Helga Schubert ein deutsches Jahrhundertleben – ihre Geschichte, sie ist Fiktion und Wahrheit zugleich. Als Kind lebt sie zwischen Heimaten, steht als Erwachsene mehr als zehn Jahre unter Beobachtung der Stasi und ist bei ihrer ersten freien Wahl fast fünfzig Jahre alt. Doch vor allem ist es die Geschichte einer Versöhnung: mit der Mutter, einem Leben voller Widerstände und sich selbst.

Von Melena