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„Was Nina wusste“ von David Grossman

„Was Nina wusste“ von David Grossman

Buch der Woche

Vor fast neun Jahren habe ich „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ von David Grossman gelesen. Es ist ganz komisch, weil ich noch genau weiß, wie es sich angefühlt hat. Ich könnte nicht mehr viel zum Inhalt des Buches sagen, aber ich sehe mich lesen. Ich war hochschwanger mit meinem ersten Kind und ich erinnere mich an dieses Gefühl der Angst – Angst einer Mutter um ihr Kind. Das ist es, was David Grossman meisterhaft versteht! Er pflanzt Gefühle in seine Leser, die auch lange – Jahre – nach dem Lesen der letzten Seite spürbar sind.

Genau so wird es mir mit „Was Nina wusste“ – seinem aktuellen Buch – gehen. Da bin ich mir schon jetzt ganz sicher, obwohl ich es erst zwischen den Jahren gelesen habe.

Und darum geht es:

Drei Frauen – Vera, ihre Tochter Nina und ihre Enkelin Gili – kämpfen mit einem alten Familiengeheimnis: An Veras 90. Geburtstag beschließt Gili, einen Film über ihre Großmutter zu drehen und mit ihr und Nina nach Kroatien, auf die frühere Gefängnisinsel Goli Otok zu reisen. Dort soll Vera ihre Lebensgeschichte endlich einmal vollständig erzählen. Was genau geschah damals, als sie von der jugoslawischen Geheimpolizei unter Tito verhaftet wurde? Warum war sie bereit, ihre sechseinhalbjährige Tochter wegzugeben und ins Lager zu gehen, anstatt sich durch ein Geständnis freizukaufen? „Was Nina wusste“ beruht auf einer realen Geschichte. David Grossmans Meisterschaft macht daraus einen fesselnden Roman.

Fasziniert hat mich nicht nur die wirklich spannende und eindringliche Geschichte. Es war die ganz besondere Konstellation: Gili, die Enkelin, dreht zusammen mit ihrem Vater, einen Film über das Leben der Großmutter, die darin Ihrer zukünfitgen Tochter von Ihrem Leben erzählt. Das ist spannend, da Nina gerade von einer beginnenden Alzheimer-Erkrankung erfahren hat. Was wird die Nina, an die sich der Film richtet, in einigen Jahren noch wissen? Was muss man ihr neu erklären? Die Kamera lässt Vera ganz neu erzählen und es entsteht ein unheimlicher Sog in die Vergangenheit. Das ist unglaublich gut geschrieben, natürlich konstruiert und dennoch eindringlich und spannend zu lesen. Die Distanz, die die Kamera herstellt, bringt den Leser zugleich ganz nah heran an die Geschichte und die Hauptfiguren. Das ist einfach unglaublich gut!

 

Von Melena