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„Zur See“ von Dörte Hansen

„Zur See“ von Dörte Hansen

Buch der Woche

Es gibt sie, die Liebe auf den ersten Satz: Nur wenige Worte genügen, und man ist einem Buch rettungslos verfallen. Man taucht tief ein in die Geschichte und steht der Außenwelt für die nächsten Stunden nur eingeschränkt zur Verfügung. Fans von Dörte Hansen hatten mir diese Sogwirkung schon vorhergesagt, der mich als Hansen-Neuling (ja, ich, Tina, oute mich hiermit) denn auch tatsächlich von der ersten Seite ihres neuen Romans „Zur See“ wohltuend umfangen und nicht mehr loslassen sollte. Er nahm mich mit fort an meinen persönlichen Sehnsuchtsort, einer Insel irgendwo in der Nordsee, einem Sehnsuchtsort, den ich laut der Autorin wohl mit vielen anderen Menschen teile. Und so erkannte ich mich auch gleich wieder in der Masse der Touristen, die zu Scharen die Insel bevölkern, sich den Wind um die Nase wehen lassen, um den Kopf frei zu bekommen. Ich sah mich vor dem schönsten Haus der Insel stehen, dem alten Kapitänshaus, mit dem Zaun aus Walknochen drumherum, hörte mich seufzen vor Wohlwollen und einem Hauch von Neid angesichts des romantisch wirkenden Reetdachs.

„Alter Inseladel“

Genau hier lässt Dörte Hansen die Familie Sander leben, „alter Inseladel“, Nachfahren der legendären Walfänger. Doch vom – angeblichen – Glanz dieser alten Zeiten ist nicht mehr viel übrig bei den Sanders: Einst ein stolzer Kapitän hat sich Jens vor über 20 Jahren von seiner Familie abgewendet und lebt zurückgezogen auf einer Vogelwarte. Seine Frau Hanne blieb zurück mit den drei Kindern, einem Haus voller Feriengästen und einer alten Wut – einer Wut, die schon Generationen von Seefahrerfrauen verspürten und weitergaben. Ein Erbe, genauso wie dieses enge Band zum Meer und dieser Insel, das auch die inzwischen erwachsenen Kinder in sich tragen. Da ist der älteste, Ryckmer, der nach einem traumatischen Erlebnis auf See schon zum Frühstück ein Bier braucht. Die Droge seiner Schwester Eske heißt Heavy Metall. Die Musik ist ihr Fluchtpunkt nach der Arbeit in einem Altersheim, wo sie eine Inselgeneration nach der anderen verschwinden sieht. Und dann gibt es noch Henrik, den Künstler, der sich mit seinen Skulpturen aus Treibgut einen Namen gemacht hat. Er lebt – wenn man so will – wie seine Ahnen von dem, was ihm das Meer schenkt. Mehr scheint er nicht zu brauchen.

Im Wandel

Es ist eine Familie mit ziemlichen Auflösungserscheinungen, die Dörte Hansen dem Leser da präsentiert. Man lebt nebeneinander her, fragt nichts nach, erwartet kaum etwas und nimmt Entscheidungen klaglos hin. „So ist das jetzt bei uns“, erklärt Hanne Sander dem netten Pfarrer den Auszug ihres Mannes. Pragmatisch, zupackend – wie die Seefahrerfrauen eben zu sein haben. Doch nicht nur die Familie ist im Wandel, auch die Inselwelt ändert sich zunehmend. Die alten Ordnungen verschieben sich, weichen und machen somit auch Platz für Neues.

Dörte Hansen braucht nicht viele Worte, um ihre Charaktere zu zeichnen. Unaufgeregt und klug macht sie sich ans Werk, trifft genau den richtigen Ton zwischen Wehmut nach dem Alten und der Sehnsucht nach Aufbruch und Erneuerung. Sie blickt tief hinein in die Seele dieser Menschen, die ihr Herz zwar nicht auf der Zunge tragen, aber dennoch einen sehr weichen Kern unter ihrer rauhen Schale verbergen. Dass diese Schale Risse und Sprünge bekommen kann, macht Hoffnung und Mut. Nichts muss so bleiben wie es immer war. Auch nicht auf einer Insel.

Von Melena